In der Notaufnahme kennen wir keinen Schlusspfiff – aber diese Leistung muss gerecht vergütet werden

31 Krankenhäuser in Mittelfranken gehen gemeinsam auf die Barrikaden: Die Geschäftsführer und Vorstände der Krankenhäuser, egal ob in kommunaler, freigemeinnütziger oder privater Trägerschaft, schlugen gemeinsam wegen der völlig unzureichenden Finanzierung der Notfallversorgung bei einer Pressekonferenz im Nürnberger Rathaus Alarm: „Ohne eine solide Finanzierung ist eine qualitativ hohe Notfallversorgung in Zukunft nicht mehr zu garantieren, die Notaufnahmen in den Krankenhäusern dürfen nicht länger ein Draufzahlgeschäft bleiben.“

An der gemeinsamen, trägerübergreifenden Aktion nehmen 31 Krankenhäuser aus Mittelfranken mit insgesamt 9.000 Betten und einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro teil. In diesen Kliniken versorgen knapp 20.000 Beschäftigte (Köpfe) insgesamt über 320.000 stationäre und 380.000 ambulante Patienten im Jahr.

Ein Herzinfarkt beim entscheidenden Tor im Halbfinale, starkes Unwohlsein mit Kreislaufproblemen nach zu viel Alkohol- und Chipsgenuss oder ein gebrochener Unterarm nach einem Sturz beim Autokorso kurz nach dem Schlusspfiff. Tag für Tag – auch ohne Fußballweltmeisterschaft – herrscht in den Notaufnahmen in deutschen Krankenhäusern Hochbetrieb.

Immer mehr Menschen suchen in Deutschland die Notaufnahme eines Krankenhauses auf. Im letzten Jahr waren es 21 Millionen – Tendenz steigend. Sie bekommen dort umfassende medizinische Hilfe, so dass knapp 60 Prozent von ihnen das Krankenhaus nach einer ambulanten Behandlung sofort wieder verlassen können.

Doch diese umfassende medizinische Hilfe auf höchstem Niveau, rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr bekommen die Krankenhäuser nur spärlich vergütet: Ganze 33 Euro sind es nach Berechnungen der Deutschen Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) im Durchschnitt für jeden ambulant versorgten Patienten, das ist deutlich weniger als Arztpraxen im Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung erhalten.

Die Kosten etwa zur Vorhaltung von Ausstattung und Personal in einer Krankenhaus-Notaufnahme liegen aber in der ambulanten Notfallversorgung bei 129 Euro, so die DGINA. Die Vorstände und Geschäftsführer von 31 mittelfränkischen Krankenhäusern in öffentlicher, privater und freigemeinnütziger Trägerschaft fordern daher eine bessere Finanzierung der Notfallversorgung – und zwar umgehend.

Steigende Patientenzahlen

Im Jahr 2003 suchten 248.000 Patienten die Notaufnahmen der 31 mittelfränkischen Krankenhäuser auf. Zehn Jahre später waren es bereits 386.000 Patienten, davon konnten 230.000 noch am gleichen Tag wieder nach Hause gehen. Die ambulante Notfallversorgung sorgte bei den 31 Kliniken für ein Minus von 22,1 Millionen Euro im Jahr 2013.

„In den letzten zehn Jahren sind die Leistungszahlen in unseren beiden Notaufnahmen im Klinikum Nord und Süd von 69.500 auf 108.000 im Jahr angestiegen, das ist eine Steigerung um 55 Prozent“, erläutert Dr. Alfred Estelmann, Vorstand des Klinikums Nürnberg. Diese rapide Zunahme der Patientenzahlen in den Notaufnahmen ist kein Wunder, denn die Kassenärztlichen Vereinigungen ziehen sich immer mehr aus der Notfallversorgung zurück. Es stehen immer weniger Praxen außerhalb der offiziellen Sprechstundenzeiten zur Verfügung.

Ein weiteres kommt hinzu: „Der Druck auf die Notaufnahmen steigt, denn immer mehr Patienten suchen auch bei leichteren, auch von niedergelassenen Ärzten behandelbaren Erkrankungen gleich die Notaufnahme auf“, fasst Clemens Stafflinger, Kaufmännischer Leiter des Martha-Maria Krankenhauses in Nürnberg die Lage zusammen. Immer mehr Patienten nehmen also das 24-Stunden-Versorgungsangebot der Krankenhaus-Notaufnahmen in Anspruch, denn sie wissen, dass sie dort ein sehr gut, eigens für Notfälle ausgebildetes Personal sowie spezielle Ressourcen zur Versorgung von Notfallpatienten vorfinden.

Unzureichende Vergütung von im Schnitt 33 Euro

Die Krankenhäuser können zwar die erbrachten Leistungen einzeln abrechnen, doch im Durchschnitt erhalten sie für ihre zum Teil sehr komplexen Leistungen bei der ambulanten Behandlung eines Patienten, der von der Notaufnahme noch am gleichen Tag wieder nach Hause geht, ganze 33 Euro – selbst der Gips ist darin inbegriffen ebenso der Einsatz teurer Geräte wie etwa eines Computertomografen oder Magnetresonanztomografen. „Damit bleiben wir auf einen Großteil unserer Kosten sitzen, das Defizit allein bei uns in der Notaufnahme betrug im letzten Jahr 778.000 Euro“, kritisiert Markus Stark von den Kliniken Dr. Erler in Nürnberg.

Die Deutsche Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin hat vorgerechnet, dass die tatsächlichen Kosten etwa für die Vorhaltung von Ausstattung und Notaufnahmepersonal insgesamt bei 129 Euro pro ambulant versorgtem Patienten liegen. „Wir brauchen eine eigene Notfallpauschale, die unsere wirklichen Durchschnittskosten deckt“, fordert Dr. Walter Förtsch, Geschäftsführer des St. Theresien-Krankenhauses in Nürnberg.

24 Stunden rund um die Uhr, aber ohne Zuschlag

Trotz ihrer Schlüsselstellung in der Notfallversorgung sind die Krankenhäuser an der genauen Kostenermittlung und den Budgetverhandlungen zwischen Krankenkassen und den Kassenärztlichen Vereinigungen bis heute nicht beteiligt. „Das muss sich ändern“, fordern die Geschäftsführer der mittelfränkischen Krankenhäuser, denn auch innerhalb der in der Krankenhausfinanzierung üblichen Fallpauschalen (DRGs) bilden sich Notfälle, die in eine stationäre Aufnahme münden, nur ungenügend ab.

Wird ein Patient stationär aufgenommen, machen die Fallpauschalen bislang keinen Unterschied, ob der Patient um 22:00 Uhr oder um 2:00 Uhr nachts oder um 10:00 Uhr unangemeldet als Notfall aufgenommen wurde oder ob er mit einem bereits diagnostizierten Krankheitsbild zu einer geplanten OP eingewiesen wurde. „Das ist absurd“, meint Peter Krappmann, Vorstand des Klinikums Fürth.

Er plädiert daher für einen Zuschlag im Fallpauschalensystem, der die Vorhaltekosten für die Notfallbehandlung deckt – insbesondere wenn die Notaufnahme rund um die Uhr, also 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche zugänglich ist. „Jeder fünfte Patient, der bei uns die Notaufnahme aufsucht, kommt zwischen 22 und 6 Uhr, zur Aufrechterhaltung der Notfallversorgung halten wir in dieser Zeit 29 Ärzte und Fachärzte sowie 62 Pflegekräfte vor. Deren Leistungen müssen wir mit Nachtzuschlägen vergüten, ohne dass wir dies eigens bezahlt bekommen“, betont Krappmann.

Gute Qualität in der Notfallversorgung

„Ohne eine solide Finanzierung ist eine qualitativ hohe Notfallversorgung in Zukunft nicht mehr zu garantieren“, lautet das Resümee der mittelfränkischen Krankenhausvorstände. Ressourcenmangel in der Notaufnahme verursacht schon jetzt bisweilen lange Wartezeiten, führt zu überlastetem Personal und letztendlich unzufriedenen Patienten. Dass im aktuellen Koalitionsvertrag der Großen Koalition in Berlin die Notaufnahme Eingang gefunden hat, begrüßen sie. „Es ist zu prüfen, ob für Krankenhäuser die Vorhaltekosten, insbesondere für die Notfallversorgung aktuell ausreichend finanziert werden“, heißt es im Vertrag.

„Aus diesen Worten müssen nun Taten folgen, und zwar schnell“, sagen die 31 Geschäftsführer und Vorstände. „Die Notaufnahmen in den Krankenhäusern dürfen nicht länger ein Draufzahlgeschäft bleiben.“